Antiziganismus

Antiziganismus ist eine Form von Rassismus, die in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist und die vor allem Roma erleben. Aber auch andere Gruppen wie beispielsweise Sinti, kosovarische Ashkali, französische Manouche oder Irish Traveller sind davon betroffen. Und sogar Menschen, die sich zu keiner dieser Bevölkerungsgruppen zugehörig fühlen, kann Antiziganismus begegnen. Hierbei handelt es sich um eine Diskriminierungsform, die von der Mehrheitsgesellschaft ausgeht. Sie zeigt sich auf verschiedenen Ebenen: neben klischeehaften Wahrnehmungsmustern sind stereotype Darstellungen und ganz konkrete Handlungen von Einzelpersonen oder Gruppen ein wichtiger Bestandteil. Das macht sich zum Beispiel dann bemerkbar, wenn Roma aufgrund von Vorurteilen bei Arbeitgeber*innen keine Anstellung erhalten. Antiziganismus beziehungsweise Rassismus gegen Sinti und Roma geht aber auch von gesellschaftlichen Strukturen aus. Das zeigt sich zum Beispiel dann, wenn Roma-Kinder in Schulen in abgetrennten Klassen unterrichtet werden. 

Antiziganismus ist mehrere hundert Jahre alt und beruht auf klischeehaften Vorstellungen. Sie kommen  oft in Filmen, in Büchern, in Zeitungsartikeln oder in der Musik vor. Sie lassen sich in Äußerungen von Politiker*innen nachweisen. Sie finden sich aber auch in überlieferten Märchen oder Alltagserzählungen. Dadurch gelangen die klischeehaften Bilder in die Vorstellungswelt von Menschen. Dabei werden Roma, Sinti oder Menschen, die dafür gehalten werden, bestimmte Eigenschaften zugeschrieben.
Diese Eigenschaften sind meist negativ. Sie stehen im Gegensatz zu den Normen und Werten der modernen Arbeitsgesellschaft, in der wir leben. Zwar wandeln sich die Klischees über Roma, Sinti und andere Menschen immer wieder – in ihrem Kern bleiben sie jedoch  erstaunlich gleich. Menschen, die Antiziganismus beziehungsweise Rassismus gegen Sinti und Roma erfahren, gelten als „fremd“, „ungezügelt“ und „nicht modern“. Oft wird den Menschen auch unterstellt, sie seien „faul“ und würden „auf Kosten der Gesellschaft“ leben. Dadurch, dass Menschen diese Eigenschaften zugeschrieben werden, entsteht der Eindruck, sie würden nicht zur Gesellschaft gehören. Im Gegensatz dazu werden diejenigen in der Gesellschaft anerkannt, die zur Mehrheit gehören. Bei ihnen geht man davon aus, dass sie „sich selbst beherrschen können“ und eine „geordnete Lebensweise“ haben. Außerdem gelten sie als „fleißig“ und „arbeitsliebend“. In antiziganistischen beziehungsweise rassistischen Vorstellungen ist die gesellschaftliche Mehrheit dadurch nicht auf die (finanzielle) Unterstützung durch den Staat angewiesen. Dies vermittelt den Eindruck, als sei die Mehrheit der Gesellschaft nützlich. Insgesamt entsteht durch Antiziganismus das Bild von einer polarisierten Gesellschaft - mit der „unproblematischen“ Mehrheit auf der einen Seite und der „problematischen“ Minderheit von Roma, Sinti oder anderen Menschen auf der anderen Seite.
An dieser Stelle muss unbedingt betont werden, dass die Klischees  über Roma, Sinti und andere Menschen nichts mit ihrer persönlichen Identität und ihrer Lebensrealität zu tun haben. Einzelne Individuen und auch ganze Bevölkerungsgruppen werden vielmehr von der Mehrheitsgesellschaft als „Zigeuner*in“ fremdidentifiziert. Die Folgen von Antiziganismus sind für die Betroffenen sehr deutlich zu spüren. Sie werden ausgegrenzt, verfolgt und auch angegriffen. 

Dabei fängt die Diskriminierung schon beim Sprachgebrauch an. So ist das Wort „Zigeuner“ seit jeher eine sehr abwertende Fremdbezeichnung. Es wird von den meisten Menschen, die damit beschrieben werden, deutlich abgelehnt. Die allermeisten Roma, Sinti, Manouche, Ashkali und viele mehr empfinden diesen Begriff als sehr verletzend. Denn für sie ist der Begriff ganz eng mit der Diskriminierung und Verfolgung verbunden, die sie im Alltag erfahren.
Das ist einer der Gründe, warum viele Menschen das Wort Antizganismus nicht verwenden. Denn in seinem Kern erkennt man die abwertende und verletzende Fremdbezeichnung. Daher ist der Begriff Antiziganismus mit Bedacht zu gebrauchen.  
Trotz dieses Nachteils drückt der Begriff Antiziganismus aber aus, was andere Wörter wie Rassismus gegen Roma und Sinti oder auch Antiromaismus nicht beinhalten: Der Begriff Antiziganismus macht klar, worum es bei der Diskriminierung von Roma, Sinti und anderen Menschen eigentlich geht – nämlich um die stereotypen Fantasien der Mehrheitsgesellschaft. Durch den Begriff Antiziganismus wird verdeutlicht, dass die klischeehaften Vorstellungen der Mehrheit nichts mit der eigentlichen Lebensrealität von Roma, Sinti und anderen Menschen zu tun haben. Beispielsweise ist die antiziganistische Vorstellung, als „Zigeuner“ diffamierte Menschen seien nicht sesshaft, in der Mehrheitsgesellschaft nach wie vor sehr dominant – dabei haben über 90% der europäischen Roma und Sinti einen festen Wohnsitz.
Zudem wird beim Begriff Antiziganismus deutlich, dass davon auch Menschen betroffen sein können, die keine Sinti oder Roma sind, sondern nur dafür gehalten werden. Dies betrifft zum Beispiel wohnungslose Menschen oder Personen, die im Zirkus arbeiten. Begriffe wie Rassismus gegen Roma und Sinti oder Antiromaismus legen nahe, dass auch wirklich nur Menschen, die sich selbst als Roma oder Sinti verstehen, von der hier beschriebenen Diskriminierung betroffen sind. 
Darüber hinaus ist der Begriff Antiziganismus sowie das entsprechende Adjektiv antiziganistisch beim Reden und Schreiben oft einfacher zu gebrauchen. Der Begriff Rassismus gegen Roma und Sinti ist offensichtlich etwas sperriger und manchmal schwierig zum Adjektiv zu machen. 
Aufgrund dieser Aspekte verwenden wir bei Amaro Foro e.V. trotz aller Schwierigkeiten den Begriff Antiziganismus.