Fortbildungsangebot für Leistungsbehörden-Mitarbeiter*innen

Einen guten Job machen - rechtliche Grundlagen diskriminierungsfrei umsetzen und Teilhabegerechtigkeit fördern!

Die Dienstleistungspraxis – oder genauer: das Handeln der Beschäftigten von Leistungsbehörden im Kund*innenkontakt – ist durch einer Reihe grundverschiedener Interessen und Anforderungen bei massiver Überlastung und fehlender Anerkennung gekennzeichnet sowie durch die Einbettung der Beschäftigten in dilemmatische Arbeitssituationen, Spannungsverhältnisse, Konflikte und Widersprüche, wie sie sich bspw. zwischen den erklärten Zielen von Sozialbehörden und einer zahlenmäßig großen Nachfrage („Massenandrang“, „Druck der Flure“) ergeben. Berliner Leistungsbehörden haben seit Jahren mit einem dramatischen Fachkräftemangel zu kämpfen, eine Vielzahl von Stellen bleibt unbesetzt, obwohl die Fallbearbeitungszahlen steigen und Fallkonstellationen komplexer werden.

Die institutionelle Eingebundenheit, die Arbeitsbedingungen sowie die Grundstruktur des Arbeitsumfelds bestimmen die Handlungszwecke, -pläne und -spielräume der einzelnen Fachkräfte in den Behörden und beeinflussen erheblich, wie Fachkräfte die Interaktion mit Antragsteller*innen gestalten und wie ihre Ermessensentscheidungen ausfallen. Unter widrigen Bedingungen und trotz aller rechtlichen Unsicherheiten vollbringen Fachkräfte hochkomplexe Kombinationsleistungen und verknüpfen bei der Antragsbearbeitung organisatorische Ressourcen und Vorgaben mit stetig wechselnden Rahmenbedingungen und persönlichen Überzeugungen miteinander. Verwaltungskräfte nehmen dabei jedoch unwillkürlich eine Perspektive ein, die durch eine  ‚antiziganistische Brille‘  geprägt ist, da Antiziganismus ein weit verbreitetes und historisch gewachsenes Problem ist, das in der Gesellschaft auf allen Ebenen strukturell verankert und tief in sozialen und kulturellen Normen und institutionellen Praktiken verwurzelt ist. In der Wahrnehmungsstruktur der ‚antiziganistische Brille‘ verhaftet, werden die eigenen Vorurteile fortlaufend scheinbar empirisch bestätigt. Bevölkerungsumfragen zeigen konstant ablehnende Haltungen gegenüber Sinti*ze und Rom*nja und eine zunehmende Verfestigung des Antiziganismus auf. Dieser ist bei Weitem nicht nur ein Phänomen der extremen Rechten. Das Narrativ von der angeblich unkontrollierbaren ‚Einwanderung in die Sozialsysteme‘ wurde und wird nicht nur von Politiker*innen rechtspopulistischer Parteien bedient, sondern bis weit in die vermeintliche Mitte der Gesellschaft hinein klingen die antiziganistisch geprägten Diskurse, in denen die sogenannte ‚Armutszuwanderung‘ vor allem als Problem bzw. Bedrohung inszeniert und Normalisierung vorangetrieben wird. Damit ist nicht nur das Vorhandensein antiziganistischer Strukturen und Prozesse gemeint, sondern die Alltäglichkeit, mangelnde Erfassung, unzureichende Problematisierung antiziganistischer Gewalt und der fehlende Wille zur gezielten Bekämpfung sowie die breit geteilte Leugnung der gesellschaftlichen Prägekraft antiziganistischer Diskriminierung. Diese wird häufig entweder nicht wahrgenommen oder aber als legitim angesehen. Antiziganismus ist also eine strukturelle Rahmenbedingung jeglichen Behördenhandelns. Und so kommen Diskriminierungsrisiken insbesondere in der Interaktion zwischen Behörden und Leistungsberechtigten mit rumänischer oder bulgarischer Staatsbürger*innenschaft zum Tragen. Das führt zu mannigfaltigen Problemen, strukturellen Barrieren und interpersonellen Abgrenzungsmechanismen. Vorurteile und Zuschreibungen fließen unwillkürlich und stetig in die Begründungen von Leistungsentscheidungen ein und Unionsbürger*innen werden in der Folge ihre verbürgten Rechtsansprüche im gegliederten System der sozialen Sicherung nicht gewährt. Es handelt sich dabei nicht in erster Linie um ein individuelles Versagen, sondern vor allem um ein strukturelles Problem.

Zwar verfügen Leistungsbehördenmitarbeiter*innen in der Regel über Wissensbestände und Handlungspraxen im Umgang mit Diversität, sowohl aus personenbezogener als auch aus organisationsbezogener Sicht. Trotz dieser professionellen Kenntnisse fehlt es Verwaltungsangestellten jedoch oft an Wahrnehmungsfähigkeit hinsichtlich antiziganistischer Diskriminierung in ihren äußerst variablen Erscheinungsformen und flexiblen Bedeutungsgehalten.

Verwaltungsangestellte in Leistungsbehörden haben umfassende Kenntnisse im Sozialrecht, jedoch bedürfen auch diese in Anbetracht der schnelllebigen Veränderungen, die es gerade in Bezug auf die Antidiskriminierungsrechtsprechung und die Ansprüche von EU-Bürger*innen in den letzten Jahren gegeben hat, oft einer Aktualisierung und einer Anwendungserprobung in antiziganismuskritischem Kontext.

Im Rahmen der Fortbildungsaktivitäten reflektieren und identifizieren die Teilnehmer*innen (Re-)Produktionsquellen antiziganistischer Wissensbestände, sozusagen das eigene kulturelle Gepäck, Effekte eindimensionaler Wahrnehmungsmuster, Deutungsgewohnheiten und Strategien der Wegverweisung und problematisieren ethnisierende, defizitäre und objektorientierte Perspektiven. 

Mitarbeiter*innen von Leistungsbehörden im Kundenkontakt werden bezüglich Erscheinungs- und insbesondere Wirkungsweisen von Antiziganismus sensibilisiert und lernen etwas über die Geschichte und Vielfalt von Rom*nja sowie über die historische Verankerung und aktuelle Erscheinungsformen des Antiziganismus. 

Gemeinsam mit den Teilnehmenden werden Strategien entwickelt, die zu einer nachhaltigen diskriminierungssensiblen und vorurteilsbewussten Verwaltungspraxis beitragen. Es geht darum, das individuelle Bewusstsein der in direktem Kontakt mit Leistungsberechtigten arbeitenden Mitarbeiter*innen für Diskriminierungsrisiken zu schärfen und sie zu befähigen, im konkreten Verwaltungshandeln Diskriminierung zu vermeiden. So können sich die Fachkräfte in Grenzfällen auf einem höheren Reflexionsniveau mit den in der Arbeit oft unvermeidlichen Diskriminierungsrisiken auseinandersetzen. Diese Kompetenzsteigerung führt auch zu einer gestärkten Widerstandsfähigkeit gegenüber Stressfaktoren und Risiken und somit zum Abbau von Stress-, Überforderungs- und Belastungsgefühlen.

 

Das Fortbildungsangebot

Zur passgenauen Gestaltung des spezifischen Settings an Ihre jeweiligen Rahmenbedingungen und konkreten Qualifikationsbedarfe wurden die insgesamt 20 Fortbildungsaktivitäten als variable ‚Zahnräder‘ konzipiert, die in unterschiedlichen Variationen ineinandergreifen und zielorientierte Lernprozesse befördern. Diese beinhalten vielfältige methodische Formate und didaktische Zugänge, um allen Teilnehmenden Erfahrungs-, Erlebnis- und Erkenntnisbereiche zu bieten, die kollektive  ‚blinde‘ bzw. ‚weiße Flecken‘  der Mehrheitsgesellschaft in Bezug auf Antiziganismus selbstreflexiv und praxisrelevant beleuchten. Die Aktivitäten umfassen möglichst viele Elemente der Tätigkeit in der Arbeitssituation und es wird ausdrücklich auf Anwendungsmöglichkeiten des Gelernten in der alltäglichen Berufstätigkeit hingewiesen und hingearbeitet. Die anwendungsbezogene Ausrichtung vieler Methoden trägt dazu bei, Handlungskompetenzen zu stärken und Fachkräfte zu befähigen, stetige Aktualisierungen meistern zu können.

Dem Handlungsprinzip der Subjektorientierung folgend gehen die geplanten Aktivitäten strategisch, methodisch, didaktisch und thematisch den „Weg über die Person“, d. h. sie beziehen die Beteiligten selbst mit ein und sind damit auf ein Lernen ausgerichtet, dessen zentraler Bezugspunkt die Teilnehmenden mit ihren Ressourcen und Anliegen sind - stets unter Bezugnahme auf die strukturellen und organisationsspezifischen Rahmenbedingungen. Die aufwendig entwickelten und didaktisch komplexen Methoden, die in den Fortbildungen zum Einsatz kommen, unterstützen Mitarbeiter*innen von Leistungsbehörden bei der souveränen Erfüllung ihrer Aufgaben vor dem Hintergrund des Gleichheitsgebots.

 

Fortbildungsinhalte

Die inhaltliche Schwerpunktsetzung, die Bearbeitungstiefe und der Zeitumfang sind ebenso abhängig vom konkreten Handlungskontext wie von den aktuellen Ressourcen, den priorisierten Zielsetzungen und natürlich von der Zusammensetzung der Teilnehmer*innengruppe.

 

Kosten

Die Teilnahme an den Qualifizierungsmaßnahmen ist kostenfrei, da Referent*innenhonorare, Raum- und Materialkosten von der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung finanziell getragen werden.

 

Zeitumfang und Terminierung

Die Maßnahmen werden ab dem 1. Oktober 2020 angeboten. Der Umfang von 8 bis 24 Stunden ist modular umsetzbar in 1 bis 6 aufeinanderfolgenden Qualifikationseinheiten innerhalb einer zweiwöchigen Zeitspanne. 

 

Adressat*innen

Das Angebot richtet sich gezielt an Mitarbeitende von Leistungsbehörden in Berlin - als Einzelpersonen, im Teamzusammenhang oder als ganze Organisation. 

 

Teilnehmer*innenzahlen

Eine Fortbildungsgruppe hat 6 bis 12 Teilnehmer*innen, eine parallele bzw. synchronisierte Durchführung ist möglich.

 

Veranstaltungsort

In Absprache mit Ihnen werden wir bedarfsgerechte und kostenfrei verfügbare Räumlichkeiten auswählen.

 

Referent*innen und Ansprechpartner*innen

Georgi Ivanov:

ist Sozialarbeiter/Sozialpädagoge und seit Jahren in der Bildungsarbeit zum Thema Antiziganismus tätig. Er arbeitet seit 2012 bei Amaro Foro e.V. und beschäftigt sich im Rahmen der Beratungsstelle des Vereins mit den Anliegen der (neu-)zugewanderten Personen u.a. aus Bulgarien und Rumänien. Gemeinsam mit seinen Kollegen*innen versucht er, die Herausforderungen und die strukturellen Probleme der Ratsuchenden an die Verwaltungs- und politische Ebene heranzutragen. 

Elisa Schmidt:

hat in Berlin ein Masterstudium Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession absolviert und arbeitet seit 2009 zu den Themenschwerpunkten Antiziganismus, Antidiskriminierung, Diversity und Gewaltfreie Kommunikation als freiberufliche Autorin, Referentin und Beraterin für Bildungs- und Organisationsentwicklungsprozesse. Sie ist Mitautorin der Methodenhandbücher „zum Thema Antiziganismus“ und von „Diversitätsorientierte Interkulturelle Öffnung in Jugendämtern“. Derzeit ist sie bei Amaro Foro e.V. als Bildungsreferentin mit der antiziganismuskritischen und diversitätsorientierten Fortbildungskonzeption und -durchführung für Leistungsbehörden, Sozialberatungsstellen und Zeitungsredaktionen beschäftigt.

 

Kontakt: 

Bei Interesse und weitere Fragen melden Sie sich gerne bei uns. Wir werden Kontakt mit Ihnen aufnehmen und die Einzelheiten für die Durchführung der Fortbildung für Ihre Einrichtung gemeinsam besprechen:

 

Elisa Schmidt: elisa.schmidt@amaroforo.de / 0179.7993234

Georgi Ivanov: georgi.ivanov@amaroforo.de / 0176 20685516

 

 

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