"WIE KANN MAN STABILE STRUKTUREN FÜR ROMA AUFBAUEN?"

Nicht nur die deutschsprachigen Straßenzeitungen fragen sich:

Durch die harten Lebensbedingungen in den ehemals sozialistischen Ländern verjagt, befindet sich europaweit eine große Zahl von Roma auf der Suche nach neuen Lebensmittelpunkten. Vom kompletten Ausschluß bis zur fraglosen Integration in den Vertrieb, zeigen die Straßenzeitungen in Berlin, Hamburg, Bochum oder Wien sehr unterschiedliche Wege die große gesellschaftliche Frage der Überlebensmöglichkeiten von Roma zu beantworten. 
Kerstin Kellermann 20.05.2011

„Als im Gorlitzer Park 200 Menschen offen campierten, war die Stadt Berlin überfordert. Die Roma kommen ganz legal mit dem Linienbus am Zentralen Omnibus Bahnhof in Deutschland an“, erzählt Hamze Bytyci von der Roma-Jugend Organisation „Amaro Drom“ und lacht. „Der Berliner Senat wollte mit dem ‚Rädlsführer’, dem ‚Zigeunerkönig’, dem patriarchalen Chef reden – so denken die. Es gab natürlich keinen Anführer.“ Hamze machte sich in Wien anläßlich des „Ideen- und Impulstages der deutschsprachigen Straßenzeitungen“, der unter dem Titel „Arm gegen Ärmer?! Roma, AsylwerberInnen und die Einheimischen – Armut in verschiedenen Kulturen“ statt fand, seine Gedanken über Jobs für osteuropäische Roma, „die ich ja nicht alle bei den Straßenzeitungen unterbringen will! “: „Rosenverkäufer, Scheibenputzer, Hilfsarbeiter bei türkischen Migranten, den wahren Drückerkolonnen – alles was an niederschwelliger Arbeit vorhanden ist, wird überrannt. In Berlin wird auch bald ein Bettelverbot kommen.“ 

Nicht alle Organisationen der autochthonen Roma haben mit den durchreisenden Roma aus den neuen EU-Ländern zu tun. Das Wiener „Romano Centro“, in dem GastarbeiterInnen und Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien versammelt sind, zum Beispiel nicht. „Wir haben denen wenig anzubieten“, sagt Andrea Härle vom „Romano Centro“ leise, obwohl ihr Verein eine eigene Zeitung heraus gibt. Auch Hamze schränkt ein: „Der Senat gab uns den Auftrag, sozusagen die Straßen sauber zu halten, doch wir können keine Anlaufstelle für diesen Zustrom sein.“ Die existenzielle Zugangsweise dieser armen Menschen nach dem Motto „Ich bin bereit alles zu machen, um an Geld zu kommen“ ist wirklich hart. Die Sonne scheint durch das Dach des Glashauses der „Adria Wien“ am Donaukanal. Der Luster und eine Diskokugel blinken. Vierzig Personen aus dem Umfeld von deutschsprachigen Straßenzeitungs-Organisationen bzw. Roma Vereinen sind gekommen. „In einer globalisierten Welt ist das kein Thema, dass Roma bei uns verkaufen können“, sagt Andreas Hennefeld vom Wiener Augustin, der seit neun Jahren im Vertrieb arbeitet und dort jetzt täglich auf Roma aus Serbien, Rumänien und PendlerInnen aus der Slowakei trifft. Der Augustin will keine Gruppe von Menschen vom Verkauf ausschließen, in der Wiener Reinprechtsdorfer Straße 31 fragt auch niemand, ob jemand ein Rom oder eine Romni ist. 

In Linz hingegen, wo 120 Roma in Abbruchhäusern übernachten, arbeiten keine Roma im Vertrieb mit, berichtet Heinz Zauner von der „Kupfermuckn“, die bemüht ist, vom Abschub bedrohte Asylwerber zu unterstützen. Seit 12. März herrscht das Bettelverbot in Linz vor. 

Kein fixer Lebensmittelpunkt

Straßenzeitungen sind oft die ersten, die Veränderungen in der Gesellschaft mit bekommen und sich dazu verhalten müssen. Von Armut und Obdachlosigkeit betroffene Gruppen stehen bei ihnen auf der Matte. Doch die Zugangsweisen sind unterschiedlich: Während in Wien die Straßenzeitung „The Global Player“ derzeit Strafverfügungen um jeweils 100 Euro für den „aggressiven“ Zeitungsverkauf einzelner Verkäufer zahlen muss, werden Roma in vielen deutschen Städten durch die geltenden Regeln vom Straßenzeitungs-Verkauf ausgeschlossen. „The Global Player“ hatte früher als „Die Bunte (Zeitung)“ viele afrikanische Verkäufer, die Flüchtlingszahlen in Österreich sind aber bedingt durch die offizielle Abschiebe-Politik auf ein Drittel zurück gegangen. Es gibt kaum mehr neue Flüchtlinge, die sich halten können. Nun versuchen Roma eine Überlebensmöglichkeit in Österreich zu finden. 

„Bist du ein Rom? Ja. Okay, dann darfst du nicht verkaufen“, schildert ein deutscher Sozialarbeiter die gängige Praxis bei seiner Straßenzeitung, auf Nachfrage der Romni Fevzije Bahar, wie die Menschen im Alltag des Vertriebs „unterschieden“ werden. Die Begründung für diesen Ausschluß liegt in den Strukturen: „Du hast deinen Lebensmittelpunkt woanders.“ Roma sind also wieder einmal nicht sesshaft und das erschafft Nachteile. Außerdem wurden viele in südosteuropäischen Ländern aus ihren bisherigen Lebensmittelpunkten vertrieben. Wo sollen sie also leben oder gar bleiben? 



Doch es gibt auch emotionale Gründe der Ablehnung: Die reisenden Roma aus Bulgarien und Rumänien scheinen sich unbeliebt zu machen – sogar bei den Straßenzeitungen, die doch schon so viele verschiedene Menschengruppen integrieren konnten. Oft wird nach dem Verkauf einer Zeitung noch gebettelt, „Hast du ein bissl mehr?“, was nicht den Straßenzeitungs-Regeln entspricht und KäuferInnen verärgert. Einige dieser VerkäuferInnen scheinen n

ach dem Motto „Jetzt oder Nie“ vorzugehen – eine klassische Einstellung von Menschen, die aus der permanenten Migration kommen. Ungefähr so: „Ich sehe diesen Käufer höchstwahrscheinlich niemals im Leben wieder, also schaue ich um das Höchstmögliche, was er mir gibt und gehe für immer.“ Diese Einstellung regt einen klassisch Sesshaften natürlich auf und deckt sich auch mit den Aussagen von StraßenzeitungsmacherInnen: „Die bleiben nur zwei Wochen und gehen wieder, holen für sich so viel heraus wie möglich und ziehen weiter. So ist keine kontinuierliche Aufbauarbeit möglich“, kritisiert Stephan Karrenbauer vom Hamburger Hinz und Kunzt. „Ich habe oft das Gefühl, die grasen ab, was nachher kommt, ist ihnen egal“, sagt Michaela Gründler von der Salzburger „Apropos“ offen. Straßenzeitungen leiden unter den Beschwerden von LeserInnen, die sich aufregen, dass die Regeln nicht eingehalten werden. Die verkaufte Auflage sinkt. Als Kompromiß zwischen Betteln und Zeitungsverkauf, haben manche Arme auf der Straße nur eine einzige Zeitung, die als Schutz vor der Polizei dient, und als Vorwand verwendet wird, um eine Fürbitte zu platzieren. „Sollen wir uns den durchziehenden Gruppen öffnen? Unsere Obdachlosen haben Angst vor diesem Beschluß“, sagt ein anderer deutscher Straßenzeitungsmacher. Doch nicht nur Birgit Müller von „Hinz und Kunzt“ fragt sich: „Wie kann man etwas Stabiles aufbauen, damit wir nicht so hilflos dastehen, als könnten wir nichts anbieten?“ 

BotInnen des Verfalls

Ganz alleine sind die Straßenzeitungen mit der hohen Zahl der bedürftigen Menschen sicher überfordert. Die Roma scheinen fast die Einzigen zu sein, die sich nach dem Zusammenbruch des Sozialismus bzw. Kommunismus und dem Einfall eines „realkapitalistischen“ Überlebenskampfes auf die Socken gemacht haben. Diese BotInnen des Verfalls vieler Länder in der „Transition“, der Zeit des Übergangs, schlagen sich durch, die anderen bleiben in den Dörfern ohne Arbeitsmöglichkeit sitzen. Wie würde Österreich schauen, wenn sich zB alle polnischen PensionistInnen auf den Weg machten, die von ihrer minimalen Pension nicht einmal die Miete zahlen können? Doch oft erreichen nur die Gruppen, die an Migration gewöhnt sind, die Pflasterstrände der Wohlhabenden. Dabei gäbe es in Deutschland nicht nur durch die Erfahrungen mit dem armen Ostdeutschland viele Anknüpfungspunkte bei dementsprechender Wissens-Recherche und Aufbereitung durch die Straßenzeitungen. Im Ruhrpott zB gibt es keine Kohleindustrie und keine ArbeiterInnen mehr - früher gab es viele Polen als Zechbelegschaft. Heute leben in Bochum und Dortmund 3000 bulgarische Roma, die mit der direkten Buslinie aus Plovdiv ankommen und von privaten Schlägertrupps aus Abbruchhäusern vertrieben werden, da die Polizei sich weigert, diesem Auftrag der Immobiliengesellschaften nachzukommen. In der Wohnungslosenhilfe existieren keine Pläne, keine Strukturen - sie arbeitet allein für deutsche Wohnungslose. „Die Roma sind total fremd, wir denen und die uns. Wir haben es hier nicht nur mit Fremdenangst, sondern mit 500 Jahren Anti-Ziganismus zu tun!“, sagt Bastian Pütter von „Bodo“. „Bald ist es wieder so weit, dass von Kinderklau die Rede ist und die Kinder eingesperrt werden.“ 

Außerdem haben Roma im Gegensatz zum klassisch deutschsprachigen Zeitungsverkäufer eine Menge Rückhalt in ihren Großfamilien, mit denen sie unterwegs sind. Deswegen ist die Straßenzeitungs-Funktion durch den Kontakt mit KäuferInnen eine Art „sozialer Integration“ in die Gesellschaft zu erzeugen, bei Roma obsolet, analysierte Bastian auf dem Ideentag. „Wir sind eine Gesellschaft aus Einzelpersonen und sind es nicht mehr gewöhnt im Familienverband zu arbeiten.“ Es ist bei den Straßenzeitungen auch nicht möglich, dass eine Person für mehrere Zeitungen besorgt, kein einzelner Rom darf für seine ganze Großfamilie Straßenzeitungen ankaufen – bisher eine klare Vorgabe, um „Zwischenhändler“ zu vermeiden. Auch bei „Bodo“ dürfen keine Roma verkaufen, denn „der Verdienst ist so schlecht, dass er nur als Zuverdienst für Leute, die Bezug kriegen, ausreicht“. 

Mitarbeit autochthoner Roma

Die Strukturen können und müssen verändert werden. Eine Idee für die Zukunft ist es, dass wegen der Sprachprobleme autochthone Roma im Vertrieb mit arbeiten sollten. Doch ansässige Roma-Organisationen scheinen bisher wenig in Kontakt zu sein mit den durchziehenden Roma. „Eine Vision wäre natürlich eine eigene Straßenzeitung von und mit Roma, aber meine Idee ist es, als erstes einmal eine Comic-Beilage mit Augenzwinkern zu gestalten“, schlägt Hamze Bytyci vom Berliner „Amaro Drom“ vor, der seine beiden Comic-Helden und erste Ausgaben, „dass sich Roma selber auf die Schippe nehmen“ schon genau im Kopf hat. Hamze stammt aus dem Kosovo: „In der Familie bin ich anerkannt als schwarzes Schaf, weil ich mich engagiere. Man hat uns das Haus angezündet. Und bis 2014 sollen 14.000 Roma aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben werden.“ Er nennt die derzeitige Roma-Bewegung die zweite Gastarbeiter-Welle. Die Straßenzeitungen wollen sich in Zukunft öffnen, so lud „Hinz und Kunzt“ die Romni Fevzije Bahar aus Wien ein, bei ihnen Praktikum zu machen. Birgit Müller hatte ebenfalls die Idee, mit der Stadt am anderen Ende der Buslinie Verbindungen zu suchen. 

Doch die gesellschaftliche Frage bleibt: Wer wird alles europaweit reale Jobs und Arbeitsplätze für Roma schaffen können, wie werden sie finanziell überleben können? „Über fünfzig Prozent der Roma in Europa sind Jugendliche unter 18 Jahren“, sagt Hamze, der sich selbst „Einzelfall-Helfer“ nennt, in seiner halb ernsten, halb satirischen Sichtweise. „Früher haben wir ja angeblich die Kinder geklaut, jetzt habt ihr sie wieder, da sind sie…!“