Fallbeispiele

Familie Z. obdachlos

Berlin, 04.09.2014

Das Beispiel der Familie Z. zeigt, dass Obdachlosigkeit eine Gefahr für die Gesundheit von Kindern und Erwachsenen ist

 

Familie Z. kam im Mai 2014 nach Berlin. Sie lebten vorher neben einer Müllhalde im Süden Rumäniens, wo sie mit dem Pferdewagen Altmetalle und Papier sammelten und verkauften.

Sie haben vier Kinder zwischen 11 und 17 Jahren.

Sie hatten in Berlin keine Wohnung und konnten auch entgegen ihrer Hoffnungen keine finden. Eine Notübernachtungsstelle für Familien mit Minderjährigen gibt es in Berlin nicht. So übernachteten sie in Abbruchhäusern und verlassenen Fabrikanlagen, doch sie bleiben nur so lange, bis das Ordnungsamt sie vertrieb.

Vorsprachen beim Jugendamt und in der sozialen Wohnhilfe bleiben erfolglos, denn niemand sah sich in der Lage die Kosten der Unterkunft zu tragen, weshalb ein Platz im Obdachlosenwohnheim nicht zugewiesen wurde.

Im Juli schließlich erreichte uns ein dringender Anruf von einer Freundin der Familie. Die 15 jährige Tochter sei mit TBC ins Krankenhaus eingeliefert worden und müsse mehrere Monate therapiert werden.

Erst die Krankheit der Tochter konnte die soziale Wohnhilfe bewegen, die Kosten des Wohnheims für die Zeit der Therapie zu tragen. TBC ist eine in der Obdachlosigkeit typische Erkrankung, die tödlich verlaufen kann. Durch den Platz im Wohnheim konnte sich die Familie auch erstmals in Deutschland polizeilich anmelden, die Kinder regulär einschulen und eine Arbeit als Reinigungskraft aufnehmen.

 

Die Geschichte der Familie Burcescu
ein Fallbericht aus unserer täglichen Arbeit

Im Januar 2011 wendete sich Herr Burcescu an einen Sozialarbeiter unserer Anlaufstelle. Herr Burcescu kommt aus Rumänien und steht vor vielen Problemen: Der 37- jährige Mann lebt mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Kindern, zwei Jungen und ein Mädchen, in nur einem Zimmer, welches sein Chef ihm vermietet. Keiner der Familie ist hier in Deutschland gemeldet, keiner ist krankenversichert, die Kinder gehen nicht zur Schule und Herr Burcescu arbeitet schwarz. Oft zahlt sein Chef ihm keinen Lohn aus, er stelle ihm schließlich eine Wohnung. 
  • Wie ist es zu dieser prekären Situation gekommen? 
2007 ist Herr Burcescu, zunächst allein, nach Deutschland gekommen. Er ist gelernter Maurer, jedoch ist es für ihn auf Grund seiner ethnischen Zuschreibung in Rumänien sehr schwer, eine feste Anstellung zu finden. Er arbeitete unregelmäßig auf verschiedenen Baustellen. Viele von seinen Kolleg_innen wurden von verschiedenen Firmen übernommen und bekamen Festanstellungen. Als Rom wurden Herrn Burcescu solche Angebote hingegen nicht gemacht und dass er um seinen Lohn betrogen wurde, kam nicht selten vor. Frau Burcescu arbeitet als Näherin, hat jedoch mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Das Einkommen der beiden ist demnach sehr gering, weshalb sie und ihre Kinder in sehr ärmlichen Verhältnissen leben müssen, was die Diskriminierung von Seiten rumänischer Bürger_innen noch steigert. Die Situation der Familie ist also ziemlich ausweglos, weil sie durch die offene und strukturelle Diskriminierung von Seiten der Mehrheitsgesellschaft schlechte Voraussetzungen für ein gutes Leben haben. 
  • Enttäuschte Hoffnung Deutschland.
Eines Tages im Sommer 2007 berichtete ein Freund Herrn Burcescu von Deutschland: Deutschland sei ein reiches Land, in dem es Jobs mit regelmäßiger Bezahlung gebe, man könne sich eine Wohnung leisten und ein gutes Leben führen. Es klingt so, als gebe es dort alles was hier unerreichbar ist und so beschloss Herr Burcescu, sein Glück zu versuchen und nach Berlin zu gehen. Als EU-Bürger kann er sich frei bewegen und braucht kein Visa zu beantragen. In Deutschland angekommen wird er von einem Bekannten, den er noch aus Rumänien kennt, angemeldet und bekommt auch ein Gewerbe angemeldet. Was dies allerdings bedeutet und was es mit sich bringt ist Herrn Burcescu jedoch nicht ganz klar. Er kennt das System in Deutschland nicht und beherrscht die Sprache nicht. Außerdem hat er wenig Zeit, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, denn er hat sehr schnell einen Job gefunden, der seine Zeit in Anspruch nimmt. Sein neuer Chef schickt ihn auf verschiedene Baustellen und hat ihm sogar ein Zimmer angeboten, welches sich Herr Burcescu mit drei anderen Arbeitern für einen erheblichen Anteil des Lohns teilen kann. Die Arbeits- und Wohnverhältnisse sind äußerst fragwürdig; die Bezahlung für die Arbeit bleibt oft einfach aus, aber Herr Burcescu ist froh, so schnell und einfach etwas  bekommen zu haben. Er hofft darauf, genügend Geld zu verdienen, um es seiner Familie bald zu ermöglichen, nachzukommen. Durch die Tatsachen, dass er schwarz arbeitet und sein Chef ihm die „Wohnung“ stellt ist er jedoch in eine große Abhängigkeit geraten. Zudem häufen sich die formellen Probleme: 3 Monate nach seiner Ankunft wird er von seinem Bekannten aus der Anmeldung genommen, da bereits andere Leute gekommen sind, die auch eine Anmeldung benötigen. Dadurch verfällt auch sein Gewerbe, denn man kann kein niedergelassenes Gewerbe führen ohne einen festen Hauptsitz des Gewerbes zu haben. Außerdem wurde damals bei der AOK ein Antrag auf Krankenversicherung gestellt und in dieser wird nun nicht eingezahlt. Die Briefe von der Krankenkasse erhält Herr Burcescu jedoch nicht, denn er hat keinen gemeldeten Wohnsitz. Hinzu kommt, dass er auf Grund mangelnder Zeit und Möglichkeit noch immer nur wenig Deutsch gelernt hat. Im Sommer 2009, Herr Burcescu ist mittlerweile zwei Jahre in Deutschland, gibt es besonders viel Arbeit und sein Einkommen ist ein wenig höher als sonst. Deshalb bekommt er von seinem Chef die Möglichkeit, ein eigenes Zimmer nur für sich und seine Familie zu bekommen. Endlich kommen auch seine Frau und seine Kinder nach Deutschland.
Die Familienzusammenführung wird jedoch sofort von neuen Problemen getrübt: Die beiden Jungen, 5 und 9 Jahre alt, sollen natürlich in die Schule gehen. Zu diesem Zeitpunkt ist jedoch eine Anmeldung in der Schule ohne behördliche Meldeadresse und festen Wohnsitz der Kinder in bestimmten Bezirken Berlins nicht möglich. Der Chef erlaubt eine Meldung der Familie  in den von ihm gemieteten Raum nicht. Die fünfköpfige Familie wohnt also in nur einem Zimmer, hat wenig Möglichkeiten, Geld zu verdienen und die Eltern sehen für die Kinder keine Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Die Anfragen an den beiden nächstgelegenen Schulen werden von den Sekretär_innen abgewiesen, da keine Anmeldebestätigung vorgelegt werden konnte. Zu der prekären Situation kommt hinzu, dass auch in Deutschland ein feindliches Klima gegen Roma hoch kocht. Den Familien, die hier eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder suchen, wird vorgeworfen, sie würden mit dutzenden Leuten kleine Wohnungen bevölkern und überall Schmutz und Unrat hinterlassen. Familie Burcescu fühlt sich machtlos und weiß sich nicht zu helfen. Nach zwei weiteren Jahren in Deutschland berichtet ihnen ein Bekannter von der Anlaufstelle bei Amaro Drom. Man könne einfach dorthin gehen und bekomme kostenlose Beratung auf Rumänisch und Romanes.
  • Gemeinsame Schritte führen zum Erfolg
So lernte einer unserer Sozialarbeiter die Familie Burcescu im Januar 2011 kennen und hörte ihrer Geschichte zu. Der erste Schritt, der Familie zu helfen war nun eine Wohnung zu finden. Auf dem öffentlichen Wohnungsmarkt gestaltete sich dies jedoch sehr schwierig: Kein_e Vermieter_in möchte eine Familie, die nicht gemeldet ist und kein nachweisbares Einkommen hat, in seiner_ihrer Wohnung haben. Nach langer Suche fanden wir jedoch einen Vermieter, der mit einer erhöhten Provision keine weiteren Nachfragen stellte. Somit hatte die Familie also endlich eine eigene Wohnung und somit freie Bewegung unabhängig von dem Chef Herrn Burcescus. Mit festem Wohnsitz konnten nun auch alle Mitglieder der Familie gemeldet werden. Unser Sozialarbeiter hat die Familie bei den Behördengängen begleitet, mit den Institutionen gesprochen sowie Übersetzungsarbeit zur Verständigung geleistet. Für Herrn Burcescu bedeutete die Anmeldung, dass er wieder ein Gewerbe anmelden konnte. In seiner Arbeitszeit in Deutschland hat er viele Leute kennengelernt, die ihm nun Aufträge verschaffen. Er arbeitet weiterhin auf verschiedenen Baustellen, allerdings als selbstständig Tätiger. Das Geld für seine Arbeit ist ihm nun durch
Auftragsbestätigungen und Verträge gesichert und er ist unabhängig von seinem ausbeuterischen ehemaligen Chef. Durch die Anmeldung eines Gewerbes konnte die Familie nun auch eine Steuernummer beantragen und eine Freizügigkeitsbescheinigung zu erhalten, die man bei verschiedenen Ämtern und Institutionen, aber auch Auftraggebern vorlegen muss. Gemeinsam mit der Familie gingen wir zu einer Schule in der Umgebung, um die Kinder endlich in der Schule anzumelden. Nach einigen Gesprächen konnten die Kinder an der Schule aufgenommen werden. Der älteste Junge besucht mittlerweile die dritte Klasse, sein Bruder die zweite und die Schwester geht in den Kindergarten. Amaro Drom e.V. steht weiterhin mit der Schulstation der Schule in Verbindung und würde kontaktiert falls es Probleme geben sollte. Mit den bereits beantragten Formularen war es nun auch möglich, einen Antrag auf Kindergeld zu stellen. Bis dieser bewilligt war, verstrich jedoch eine Menge Zeit: Es musste ein Nachweis aus Rumänien besorgt und übersetzt werden, dass die Familie dort keinerlei Sozialhilfe bezieht. Auch die Krankenversicherung bereitete große Probleme: Da zu Beginn des Aufenthalts Herrn Burcescus bereits ein Antrag auf Krankenversicherungsschutz gestellt wurde, jedoch nie eingezahlt wurde hatten sich dort jede Menge Schulden durch Nachzahlungen der Pflichtbeiträge aufgehäuft. Gemeinsam konnten wir einen Antrag auf Ratenzahlung erwirken. Das Geld konnte nun in mehreren Monaten abgezahlt werden, jedoch konnte Herr Burcescu bis zur Begleichung der Schulden immer noch keinen Krankenversicherungsschutz genießen und besaß keine Versichertenkarte. Mittlerweile hat sich die Familie gut eingefunden und kommt auch ohne unsere Hilfe zurecht: Herr Burcescu hat nun die Möglichkeit, einem eigenen Gewerbe nachzugehen, Frau Burcescu besucht einen Deutsch-Kurs und die Kinder haben sich gut in der Schule eingefunden. Hin und wieder kommen sie noch mit Briefen, um sich zu vergewissern, dass sie richtig mit Rechnungen, Überweisungen etc. umgehen. Dieser Bericht von der Geschichte der Familie Burcescu lässt sich auf sehr viele andere Fälle übertragen. Viele Leute aus Rumänien und auch Bulgarien kommen in Deutschland an und werden in ihrem Wohn- und Arbeitsverhältnissen ausgebeutet. Oft benötigen sie nur Hilfestellung bei den Formalia und mit der Sprachmittlung, um die Brücke zur Mehrheitsgesellschaft zu schlagen und ein normales Leben führen zu können.